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Aktuelles - Das Oral-History-Projekt beim Stadtarchiv Nürnberg

 
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Die Ausgangssituation

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Die zentrale Bedeutung der Quellenkritik

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Die archivischen Problemstellungen

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Die konkreten Ergebnisse in Nürnberg

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Die Ausgangssituation

Die im Gedenkjahr 2005 kulminierte Nachfrage nach Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, seiner Vorgeschichte und unmittelbaren Folgen stößt seitens der Betroffenen auf eine große Bereitschaft, der Öffentlichkeit Auskunft zu geben. Die Ursachen dieses Phänomens können nur vermutet werden: Vielleicht musste das Bewusstsein für die historische Bedeutung der individuellen Erfahrungen während des Weltkriegs erst reifen. Dafür spricht der in der Interviewpraxis gewonnene Eindruck, dass dies für den Alltag im Nachkriegsdeutschland leider nur bedingt gilt. Die grundlegende Voraussetzung für diese Offenheit ist aber wohl, dass die heute 70+x-Jährigen eine andere Einstellung zu ihrer Vergangenheit haben als die fast schon verschwundene Generation derer, die in der fraglichen Zeit bereits erwachsen waren, was je nach dem Grad der Verstrickung in das NS-System eine nachträgliche Rechtfertigung ihres Tuns nötig machte. Man spricht nicht zu Unrecht von der „Flakhelfergeneration“, deren Angehörige damals erst Kinder und Jugendliche waren.

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Das Podium beim 3. Nürnberger Zeitzeugengespräch am 2. Januar 2005 (Foto: Stadtarchiv Nürnberg)
Das Podium beim 3. Nürnberger Zeitzeugengespräch am 2. Januar 2005
(Foto: Stadtarchiv Nürnberg)

 

Die zentrale Bedeutung der Quellenkritik

Für Forscher und Archivare ist diese Entwicklung unabhängig von ihren individuellen Motiven ein Glücksfall, auch wenn der renommierte Zeitgeschichtler und Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Prof. Wolfgang Benz, als Moderator des 3. Nürnberger Zeitzeugengesprächs im Januar 2005 ironisch eine „natürliche Feindschaft zwischen Zeitzeugen und Historikern“ behauptete, die sich an der vom Zeitzeugen für seinen Bericht beanspruchten Autorität entzündet. Dem entspricht auf Seiten der Fachleute eine weitverbreitete Skepsis gegenüber Berichten von Augenzeugen wegen ihrer Subjektivität und ihres eingeschränkten Blickwinkels. Eindeutig spielen hier bei beiden Parteien irrationale Momente eine Rolle, da sich der Auswertende grundsätzlich jeder historischen Quelle mit der gleichen Vorsicht nähern muss, sei sie nun amtlicher oder privater Herkunft. Es bleibt immer dem Wissenschaftler überlassen, bei Darstellung, Analyse und Bewertung eines geschichtlichen Vorgangs mittels Quellenkritik den objektiven Aussagewert des einzelnen Dokuments freizulegen und es in einen angemessenen Zusammenhang mit anderen Zeugnissen einzubetten. Schließt er dabei freilich von vornherein bestimmte Gruppen von Unterlagen aus, vermindert er den Aussagewert seiner Forschungen.

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Die archivischen Problemstellungen

Anders als die Überlieferung ihres jeweiligen Trägers wachsen den öffentlichen Archiven Dokumente privater Provenienz nicht automatisch zu, sondern müssen aktiv akquiriert werden. Was den Erwerb von schriftlichen Nachlässen angeht, gehört dies schon längst zum klassischen Betätigungsfeld der Archivare, wobei sie sich auf die vermeintliche Prominenz bzw. fachliche Kompetenz des Nachlassgebers fokussieren. Begibt man sich aber auf das weite Feld der Oral History im Sinne der mündlichen Geschichtsüberlieferung von Normalbürgern, wird der Arbeitsprozess wesentlich komplexer, will man greifbare Ergebnisse erhalten. Ein solches Unterfangen macht nur Sinn, wenn es eine gewisse Repräsentativität zum Ziel hat, da nur sie das Vorhandensein von Material in ausreichendem Umfang entweder als Fallbeispiele für relevante gesellschaftliche Gruppen oder Grundlage vergleichender Forschungen garantiert.

Bei der Sammlung solcher Geschichtszeugnisse muss das Archiv zunächst durch die Auswahl der Gesprächspartner die Qualität, Dichte und Authentizität der historischen Information sicherstellen. Die Prioritäten bestimmt die Kompetenz des Menschen im Hinblick auf sein Alter, sein Erinnerungsvermögen, seine Kommunikationsfähigkeit und die Relevanz seiner Erfahrungen in den abgefragten Themenbereichen. Ein weiteres Instrument ist der Fragenkatalog, der dem Zeitzeugen vorgelegt wird und in dessen Formulierungen die Unmittelbarkeit der Antwort gefördert werden muss und nicht das Gegenüber dazu genötigt wird, mangels eigener Kenntnisse damals Gehörtes oder später Gelesenes wiederzugeben.

Das zentrale Problem beim professionellen Umgang mit der mündlichen Überlieferung ist aber deren Fixierung und Erschließung: Die häufig geübte bloße Audio- oder Videoaufzeichnung minimiert ihren Wert als zitierbare historische Quelle allein unter Aspekten der technischen Reproduzierbarkeit. Hinzu kommen offene Fragen bezüglich der Tauglichkeit des jeweiligen Speichermediums für eine dauerhafte Archivierung. Inhaltsangaben oder Teilübertragungen in Schriftform sind meist fehlenden Ressourcen geschuldete Kompromisse. Nur die vollständige, allerdings sehr zeitaufwändige Transkription des Gesprächs gewährleistet eine planmäßige Sammlung von Oral-History-Quellen, etwa auch ihre Verknüpfung mit schriftlichem Material, das von den Zeitzeugen ergänzend zu ihren Statements abgegeben wurde und dessen Kenntnis für ihr Verständnis unabdingbar ist.

Zweifellos ist der Aufwand, der für eine solche Aufbereitung getrieben werden muss, berechtigt, wenn ein Archiv den scheinbar selbstverständlichen Anspruch einer möglichst vollständigen Dokumentation der Geschichte seines Trägers oder Sprengels mit Leben erfüllen will, insbesondere angesichts der berechtigten Klage über die zunehmende inhaltliche Ausdünnung moderner Verwaltungsakten. Die aktive und sachgerechte Sammlung mündlicher Geschichtsüberlieferung als eigenständiger Quellengattung ist somit ein wichtiges Feld archivarischer Tätigkeit. Dabei darf sie nicht nur als Ersatz oder Ergänzung gesehen werden, etwa beim kriegsbedingten Fehlen schriftlicher Quellen, sondern als eigener Strang der Überlieferungsbildung und als eine unter verschiedensten Themenstellungen einsetzbare Methode. Wenn die Realisierung dieser hehren Ziele gelingt - was erfahrungsgemäß in erster Linie an der Einsicht des Archivträgers oder Drittmittelgebers und seiner daraus resultierenden Freigiebigkeit liegt - kann der Archivar berechtigt hoffen, einen weit in die Zukunft wirkenden Beitrag zur Demokratisierung seiner Dokumentation geleistet zu haben, die neue Auswertungsoptionen außerhalb der traditionellen Bereiche der amtlichen und prominent-privaten Zeugnisse der Geschichte mit ihrer Fiktion von Objektivität oder Autorität schafft.

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Zeitzeugenbefragung im Stadtarchiv Nürnberg durch Schüler des Hans-Sachs-Gymnasiums, Sommer 2005 (Foto: Danièle List)
Zeitzeugenbefragung im Stadtarchiv Nürnberg durch Schüler des
Hans-Sachs-Gymnasiums, Sommer 2005 (Foto: Danièle List)

 

Die konkreten Ergebnisse in Nürnberg

Die einschlägigen Aktivitäten des Stadtarchivs Nürnberg stehen im Kontext von seit Jahren kontinuierlich aufgebauten Kontakten zu Zeitzeugen im In- und Ausland, die ihren sichtbaren Niederschlag in mittlerweile fünf „Nürnberger Zeitzeugengesprächen“ - eines davon veranstaltet vom hiesigen Garnisonmuseum in Kooperation mit dem Stadtarchiv - und daraus hervorgegangenen Ausstellungen und Publikationen zu wechselnden Themen gefunden haben. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichten diese Bestrebungen mit dem Aufruf an die Nürnberger Bevölkerung zur Mitwirkung am „Forschungsprojekt Luftkrieg 1942 - 1945“, auf den sich seit Oktober 2003 mehr als 430 Menschen meldeten, um ihre Erinnerungen in Wort, Schrift und Bild anzubieten. Sein konkreter Ertrag waren 212 ausgefüllte, ausführliche Fragebögen, bislang über 60 geführte Interviews sowie der Archivbestand F 19 Dokumentationsgut zum Luftkrieg in Nürnberg, der in 112 Einheiten mit einer Laufzeit von 1900 bis 2005 neben Fragebögen und 24 abschließend bearbeiteten Gesprächsumschriften ergänzendes Material im Original oder in Kopie wie z.B. Tagebücher, Briefe, amtliche Dokumente und Fotos aufnahm. Die quantitative und qualitative Bedeutung der dabei erhobenen Informationen erschließt sich daraus, dass bei einem durchschnittlichen Umfang von 22 Seiten je Interviewtranskription etwa 1320 Seiten kondensierter Quellentexte geschaffen werden, deren Aussagewert durch einen mittlerweile erweiterten Fragekatalog deutlich über das ursprüngliche Thema Bombenkrieg hinausgeht. Angesichts dieser Dimensionen und der umfassenden Zielsetzung kann es nicht verwundern, dass Interviews, Verschriftlichung und Korrektur der Transkriptionen einschließlich der Verifikation einzelner Angaben ein ständiges „work in progress“ sind und in absehbarer Zukunft bleiben werden - solange hierfür Personal und Mittel zur Verfügung stehen. Als weitere Schiene des Projekts sollen künftig auch gezielt ehemalige Funktionsträger im öffentlichen Leben der Stadt befragt werden, was u.a. besondere Anforderungen an die Fragetechnik stellt.

Gerhard Jochem

 

Kontakt

Ansprechpartner: Gerhard Jochem
Telefon: (0911) 231-54 88
Fax: (0911) 231-40 91

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Stand: 22.01.2010
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